Am 12.Juni 2009 (22. Khordad 1388) sah die Mauerkirchnerstraße in München anders aus als sonst. Die Angestellten des iranischen Konsulates waren offensichtlich nicht darauf vorbereitet, dass Massen von WählerInnen kamen um von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen und rannten kopflos umher. Die Münchner IranerInnen betraten ruhig und in der Regel lachenden Gesichtes das schöne Gebäude des Konsulates der Islamischen Republik Iran um ihre Stimme abzugeben.
Junge Frauen und Mädchen, die vielleicht noch nie einen Schleier oder ein Kopftuch getragen haben banden sich lachend und fröhlich einige Meter vor dem Gebäude einen Schal oder ein Tuch um den Kopf, damit die Mitarbeitenden des Konsulates keinen Vorwand fanden, sie an der Stimmabgabe zu hindern.
In der Warteschlange lächelten die älteren IranerInnen die Jüngeren an. Es war zu sehen, dass sie am Morgen länger als sonst vor dem Spiegel verbracht hatten um den Bart richtig zu rasieren und sicher zu gehen dass ihre bunten und fröhlichen Krawatten zu ihrer Kleidung und dem sonnigen Münchner Wetter passten.
Beim Verlassen des Konsulatgebäudes zeigten sie ihren tintenbefleckten Finger und riefen sich manchmal gegenseitig „erste Wahl“ zu – viele von ihnen hatten in den vergangenen 30 Jahren keinen Fuß in das Gebäude der Islamischen Republik Iran gesetzt. Doch jetzt waren sie gekommen – mit einem Lächeln auf den Lippen und einem Kloß im Hals um dem Symbol der Erniedrigung ein NEIN entgegen zu setzen und ihre Stimme, die sie 30 Jahre lang wie einen Diamanten gehütet hatten in die Wahlurne zu legen; denn auch wir sind das Volk und wollen in der Fremde erhobenen Hauptes sagen können: Tröstet uns nicht mit unserer jahrtausend alten Geschichte des Persischen Reiches! Wir sind es auch heute wert geachtet und respektiert zu werden - der Iran besteht nicht nur aus Khamenei und Ahmadinejad.
Der Tag neigte sich dem Abend zu und nachdem der letzte Wähler das Gebäude verlassen hatte schlossen sich die Türen des Konsulates. Es waren nicht wenige, die beim Verlassen einen sorgenvollen, skeptischen ja teils ungläubigen Blick zurück warfen als wollten sie sich von Ihrer ihnen wertvoll und nun abgegebenen Stimme verabschieden und sicher gehen, dass sie nicht missbraucht würde.
Der Abend legte sich über München, im Iran hatte die Nacht bereits früher begonnen – doch in dieser Nacht war nicht vielen nach Schlaf. In den Medien gab es Sondersendungen zu den Wahlen und wer die Möglichkeit des Telefonierens in den Iran hatte hörte Erstaunliches. Was hatten die Menschen im Iran vollbracht! Stundenlang standen Millionen IranerInnen in den Warteschlangen um „denen da“ NEIN zu sagen. Ein Wunder war geschehen – die Menschen hatten den grünen Elefanten, den sie jahrelang in der Verborgenheit und fern der Blicke der Herrschenden gepflegt hatten durch das Nadelöhr, das „diese“ offen gelassen hatten hindurchgezwängt. Das Volk einte sich im Victory-Zeichen des Sieges, in der grünen Farbe des Friedens und mit dem Stimmzettel in der Hand. Es einte sich und wurde eine kraftvolle Faust, groß und mächtig wie der Berg Damavand und landete am Abend des 22. Khordad auf „denen“.
Zu Beginn glichen sich die Nachrichten: Der Abstand ist so groß, wir haben es in der ersten Runde geschafft, 5-6 Millionen Abstand zwischen den Stimmen,…..
Nach Mitternacht kommen die ersten Zweifel auf. Die Nachrichtensprecher teilten die ersten Ergebnisse und Hochrechnungen mit. Die Sorgen werden immer größer. Überall klingeln die Telefone:
Ø Bist du wach?
Ø Ja, aber wieso bist DU wach? Du hast doch gar nicht gewählt!
Ø … Sie haben geputscht, ich habe nicht gewählt, aber du hast doch gewählt, geh und hol dir deine Stimme zurück!
Ø Ich habe gewählt und werde sie mir zurück holen, verlass dich darauf. Aber was ist mit Dir? Auch du wirst ab morgen an meiner Seite sein um meine Stimme zurück zu holen. Nicht gegessen und sich doch den Mund verbrannt…
Ø Meinst du es wird was passieren?
Ø Schläfst du? Fragst ob was passieren wird.
Ø Ich meine hier im Ausland, glaubst du es wird etwas geschehen?
Ø Ja, ich glaube wir werden ab morgen wieder wie in vergangenen Zeiten uns aufraffen und losgehen müssen..
Ø
An diesem Abend gab es Tausende solcher Gespräche. Alle waren gefangen in Wut und Unglauben, dachten an das Morgen. Und als am Morgen die Nachricht über die Proteste im Land das Ausland erreichte – entstanden – ähnlich wie nach einem Frühlingsgewitter Blumen sprießen – in der ganzen Welt Hunderte selbstorganisierte Solidaritätsgruppen, um meine und unsere Stimme den Wegelagerern und Räubern zu entreißen.
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In München waren die iranischen Studierenden die erste Gruppe, die protestierten. In deren Gefolge wurden auch die anderen IranerInnen aktiv. Gruppen und Personen, die vor Jahren die aktive politische Arbeit zur Seite gelegt hatten wurden wiederbelebt und strömten in die Straßen.
Das „Solidaritätskomitee mit den Protestierenden im Iran“ war die erste Gruppe, die eine Woche nach dem Putsch im Iran in München entstand und die die erste große Demonstration in München organisierte. Diese Kundgebung am 20. Juni 2009 im Zentrum Münchens war seit Jahren die erste große Protestbewegung der Exil-IranerInnen. An ihr nahmen über 600 Personen teil.
Das Solidaritätskomitee hat in Folge dieser Demonstration verschiedene Kundgebungen, Mahnwachen, Presseerklärungen u.a. organisiert und initiiert, wie z.B. eine Postkartenaktion, bei der über 40 000 Postkarten an die Bundeskanzlerin Frau Angela Merkel gingen mit der Bitte, die neue Regierung nicht anzuerkennen und die demokratische Protestbewegung im Iran zu unterstützen.
Die Protestbewegung wuchs und die verschiedenen Gruppen und Einzelpersonen arbeiteten intensiver zusammen. Auf Einladung der „Solidaritätsgruppe“ fanden einige Gespräche und Treffen statt, an denen Vertreter der iranischen Studierenden und Vertreter einzelner exstierender iranischer Zirkel teilnahmen. AM 2. Juli 2009 wurde ein gemeinsames Grundlagenpapier geschrieben und von allen Anwesenden angenommen. Auf Grundlage dieser Verabredungen wurde bei diesem Treffen die Gruppe „München hilft Iran“ gegründet um mit geeinten Kräften den Widerstand zu stärken. In einem Brief vom 5. Juli lud „München hilft Iran“ alle anderen Gruppen und Personen zur Mitarbeit ein. Im Laufe der darauf folgenden Aktionen schlossen sich einzelne solidarische Deutsche der Gruppe an und wurden aktiv.
„München hilft Iran“ (MHI) hat am 31. Juli 2009 eine große Veranstaltung und Konzert am Marienplatz im München durchgeführt. Es traten 4 deutsche und 2 iranische Musikgruppen auf, es gab Redebeiträge von Vertretern politischer Parteien und der Kirchen. Hunderte von IranerInnen nahmen an der vierstündigen Veranstaltung teil, Tausende von PassantInnen blieben stehen, informierten sich und zeigten ihre Solidarität mit der grünen Protestbewegung im Iran z.B. durch den Kauf und Tragen eines grünen Armbandes.
Nach dem großen Erfolg dieser Veranstaltung setzte „München hilft Iran“ in verschiedenster Art und Weise seine Aktivität fort: Demonstrationen und Kundgebungen wurden organisiert und durchgeführt, Kontakte zu verschiedenen Medien hergestellt, Kontakte zu Gruppen in anderen Städten in Deutschland wurden aufgebaut um Aktionen zu koordinieren, eine Fahrt nach Genf wurden organisiert und durchgeführt, um vor dem UN – Menschenrechtsrat zusammen mit Tausender anderer zu demonstrieren, Teilnahme und Redebeitrag an der Demonstration gegen die Sicherheitskonferenz sowie an der Kundgebung zum ersten Mai, Unterschriftenaktion mit über 1000 Unterschriften beim ökumenischen Kirchentag sowie zuletzt Informationsweitergabe während des Münchner Filmfestes im Juli 2010 zur Unterdrückung der Filmemacher im Iran.
„München Hilft Iran“ ist entstanden zur Unterstützung der Protestierenden im Iran und ihren Forderungen nach Freiheit, Demokratie und Bürgerrechte. Wir laden alle IranerInnen und Deutsche, alle Anhänger der demokratischen grünen Protestbewegung im Iran zur Mitarbeit ein und sind davon überzeugt, dass eine Zusammenarbeit auf der Grundlage eines Minimalkonsenses unabhängig von Gruppenzugehörigkeiten möglich und notwendig ist. Diese Punkte sowie weitere Grundlagen der Arbeit der Mitglieder von „München Hilft Iran“ finden sich wieder im veröffentlichten Selbstverständnis, das von allen Mitgliedern verabschiedet wurde.
Auflistung unsere Aktivitäten im vergangenen Jahr
25. Juni bis 3. Juli 2010
Aktivitäten während des 10. Münchner Filmfestes
Infomappe für die Presse, Teilnahme an Gesprächen mit iranischen Filmemachern, Flyer-Weitergabe, Informationen zur Situation der Filmemacher im Iran
15.Mai 2010 während des Ökumenischen Kirchentages:
Wir sammeln innerhalb von 3 Stunden über 1000 Unterschriften – in verschiedenen Veranstaltungen wird auf die Situation im Iran hingewiesen.
Große Unterstützung in München für den Kampf gegen die Todesstrafe im Iran
http://www.youtube.com/watch?v=FgZwK6iO5g4&feature=player_embedded
1. Mai.2010
Teilnahme an der Demonstration mit eigenem Block, Hinweis auf die Situation der inhaftierten Arbeiterführer im Iran
Solidarisch mit der unabhängigen Arbeiterbewegung im Iran
http://www.youtube.com/watch?v=_eQSJyI4hSk&feature=player_embedded
13.März.2010
Protestaktion vor dem Hotel Bayerischer Hof, Bericht in der Süddeutschen Zeitung, Spende erwirkt für die Familien politischer Gefangener im Iran
Das Fest des Konsulates der Isl. Republik Iran im Hilton City Hotel wird nach massiven Protesten abgesagt, auch gegen eine ähnliche Veranstaltung im Holiday Inn Hotel in München kommt es zu Protesten
http://www.youtube.com/watch?v=fJqz-2A_VJo&feature=player_embedded
6. März 2010
Informationsveranstaltung zum internationalen Frauentag am 8.März.2010 in Kooperation mit der Frauenliga und der Initiativgruppe
Die Frauenbewegung im Iran – Rererentinnen: Mitra Shojaei und Maryam Mirza, Journalistinnen aus dem Iran
http://www.youtube.com/watch?v=GvByc–r87E&feature=player_embedded
15.Februar 2010
Protestaktion in Genf
zusammen mit vielen anderen Organisationen protestieren wir in Genf vor dem UN-Menschenrechtsrat während der Befragung zur Menschenrechtssituation im Iran
http://www.youtube.com/watch?v=i21eGZPoutw&feature=player_embedded
6. Februar 2010
Teilnahme an der Demonstration gegen die Sicherheitskonferenz in München
Redebeitrag zur Situation im Iran
http://www.youtube.com/watch?v=RqdCIPHKfwg&feature=player_embedded
3. Februar 2010
Protestaktion am Stachus/Karlsplatz – München wegen der Menschenrechtsverletzungen im Iran, Errichtung eines symbolischen Galgens
http://www.youtube.com/watch?v=aFVCTqbyDVk&feature=player_embedded
03.November 2009
Demonstration aus Solidarität mit den Demonstrierenden im Iran
Bericht in der Presse
September 2009
Brief an alle Münchner KandidatInnen für den Bundestag mit Informationen zur Lage im Iran
23. September 2009
Protest gegen die Teilnahme von Ahmadinejad bei der UN-Vollversammlung
5. August 2009
öffentliche Trauerfeier – Kundgebung vor dem Konsulat der Islamischen Republik Iran
31. Juli 2009
Kundgebung und Solidaritätskonzert am Marienplatz
http://www.vidoosh.tv/play.php?vid=5249
27. Juli 2009
Kundgebung vor dem Konsulat der Islamischen Republik Iran aus Anlass des 10. Jahrestages der Niederschlagung des Studentenaufstandes
25. Juli 2009
Demonstration gegen die Wahlfälschungen im Iran
Wo ist meine Stimme geblieben?
Juni – Juli 2009
40 000 Postkarten gehen an die Bundeskanzlerin mit der Bitte, die neue Regierung nicht anzuerkennen und gegen die Wahlfälschungen zu protestieren
29. Juni bis 3. Juli 2009
Mahnwachen in der Neuhauser Straße, Flugblätter und Informationsstand, Hunderte Unterschreiebn einen Aufruf an Frau Merkel mit der Aufforderung, die neue Regierung im Iran nicht anzuerkennen.
27. Juni 2009
Mahnwache am Stachus zum Gedenken an Neda
20. Juni 2009
über 600 Teilnehmende an der ersten große Kundgebung in München aus Protest gegen die Wahlfälschungen
http://www.youtube.com/watch?v=j9ZfodZKHLM
http://www.youtube.com/watch?v=w1NmTwPdLSI&feature= related
13. – 18. Juni 2009
Proteste vor dem Konsulat der Islamischen Republik Iran
München Hilft Iran

